Band 802: Besuch aus der Hölle
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Habibi Offline
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Band 802: Besuch aus der Hölle

'Wir töten ihn!', krächzte eine der beiden düsteren Gestalten. Unter ihrer schwarzen Kutte schob sich eine braun geschuppte Klaue mit gekrümmten Fingern hervor. Die Klinge eines Dolches blitzte auf und näherte sich der Kehle eines auf einer Wiese liegenden Mannes.
Gerade als die Klinge den Hals des Ohnmächtigen berührte, ging eine unauffällige Blume direkt neben seinem Kopf in Flammen auf. Die Blume verbrannte nicht, und das Feuer nahm ihre Konturen an. Es zerfaserte an den Rändern und bildete Ausläufer, die nach den Schreckensgestalten griffen.
Andrew Millings wachte schreiend auf, und die Traumbilder verblassten.
Erscheinungsdatum: 21.02.2005
Autor: Christian Montillon
Cover: Maren
Re: Band 802: Besuch aus der Hölle
Griechenland, Paxos, eine Insel im Ionischen Meer. die Engländerin Diana Cunningham sucht ihren Bruder Charles, den sie bei dem wie ein Einsiedler lebenden Andrew Millings vermutet. dem zeigt sie sich von ihrer besten Seite - von vorne nämlich, im verschwitzten Top, das über ihre vollen Brüste spannt. Charles ist nicht hier, Diana zieht wieder ab, Andrew bleibt verzweifelt zurück, er spürt ihr Interesse, doch er will unbedingt vermeiden, sie ihn sein Geheimnis, in sein Leben hineinzuziehen. in der selben Nacht hat er wieder diesen Alptraum, in dem er mit einem Echsenwesen kämpft, und es mit einer Feuerblume besiegt, er wird von Diana aus dem Schlaf gerissen, doch diesmal keine Spur von Erotik, den ihr Bruder ist wieder aufgetaucht - besser, er wurde tot aufgefunden, wie von einem Tier zerfleischt. für Andrew ist klar - hier war ein Dämon am Werk...
in Paris stellt unser Professor einen löwenähnlichen Dämon, der berichtet vom Plan einer Dämonenclique, auf Paxos die Herrschaft zu übernehmen, und die Insel dann zu einer Touristenfalle zu machen. ein zweiter, teufelsähnlicher Dämon erscheint und vernichtet die Plaudertasche. für Zamorra ist der Fall klar - er muss auf die Insel: "Nicole würde sich freuen. Sie mochte Griechenland. Zamorra sah schon, wie sie einen winzigen Bikini kaufen würde. Den würde sie dann in einer Streichholzschachtel verstaut mit nach Griechenland nehmen..."
Andrew beschließt zu fliehen. der Wunsch, einerseits unentdeckt zu bleiben and andererseits keine weiteren Menschen zu gefährden, treibt ihn dazu. Diana überrascht ihn vor seiner Abreise in seinem abgelegenen Landhäuschen, die natürlich wie eine Flucht nach dem Mord an ihrem Bruder aussieht. er sieht sich gezwungen, ihr von den Dämonen zu erzählen, wird dabei aber von Kommissar Korkonis unterbrochen, der naturgemäß einige Fragen hat. als der Polizist wieder weg ist, erzählt Andrew von seiner Vergangenheit - als er noch Arthur war, und im Deutschland des 17. Jahrhunderts in einer Druckerei arbeitete - und dort seinem Schicksal in Form eines Echsenvampirs begegnete. Diana ist es, die ihm letztlich seine Geschichte abnimmt, und ihn an seine Verantwortung erinnert. er entscheidet, sich den Dämonen zu stellen.
schon auf der Fähre reagiert Zamorras Amulett auf einen Dämon, auf der Insel angelangt nimmt der Professor die Verfolgung auf und kann gerade noch Paola Lukos vor einem Angriff retten und den Dämon vernichten. der ist kein anderer als der Teufel aus Paris. auf der Polizeistation trennen sich Zamorra und Nicole, ersterer will das Haus des Gehörnten inspizieren, letztere auf den Kommissar warten. Zamorra nutzt die Zeitschau, um die Wege des Dämons nachzugehen, und wird prompt an dem Ort, an dem er ihn vernichtet hat, niedergeschlagen. als er wieder zu sich kommt, sieht er einen anderen Dämon fliehen, den er nicht mehr erreichen kann, sodass er zur Polizeistation zurückkehrt.
dort sind mittlerweile der Kommissar sowie Andrew mit Diana eingelangt. Nicole und Andrew spüren vom jeweils anderen eine Ausstrahlung, die sie aber nicht einordnen können, und wirklich offen wollen sie vor dem Polizisten nicht miteinander reden, so verabreden sie sich für den Abend bei Andrew. dort ist man sich wenigstens einig, dass es Dämonen gibt, die man gemeinsam jagen will, dass aber alle Unsterbliche sind, wird nicht ausgesprochen.
diese Dämonen, neben dem Anführer Kanegro der Vampir Artok, ein affenartiges Monstrum und noch zwei weitere, verbergen sich in einer der vielen Grotten am Meer, sie schmieden den Plan, die Störenfriede in eine Falle zu locken. dazu macht sich Artok an Paola heran, er beißt sie, und unterwirft sie seinem Willen. sie läuft zu Zamorra ins Hotel und lockt unsere drei Helden an die Ostseite der Insel, wo steile Felshänge ins Meer abfallen. dort zeigt Paola ihr wahres Gesicht als angehende Vampirin, und auch Artok erscheint, es kommt zum Kampf, wobei Paola endgültig getötet wird, Artok aber fliehen kann. Andrew verfolgt ihn und entdeckt so das Versteck der Dämonen. gemeinsam fallen unsere Helden über das Kroppzeug her und vernichten es, der Anführer kann allerdings entkommen: "Kanegro tauchte in die Fluten und zog sich unter Wasser von Paxos zurück. Er würde eine andere Heimat finden. Irgendwo. Doch zuerst plante er einen Besuch in der Hölle, denn er musste wissen, um wen es sich bei dem dritten Angreifer neben Zamorra und seiner Gefährtin handelte. Irgendjemand in der Hölle musste ihn kennen."
nach geschlagener Schlacht offenbart sich Andrew Nicole - er ist ein Unsterblicher, der aus der Quelle des Lebens getrunken hat.
schon auf den ersten Seiten teasert uns der Autor ordentlich an - wer ist diese Andrew Millings? es wird schnell klar, dass es sich um einen Unsterblichen handelt, der auf der abgelegenen Insel Zuflucht vor den Dämonen sucht - obschon er eigentlich gegen sie kämpfen sollte. die ganze Grundidee des ewig Lebenden ist ja das Faszinierende hier - warum wird den Ausgewählten die relative Unsterblichkeit geschenkt, wer wählt sie überhaupt aus, und wie gehen sie damit um.
Montillon rückt immer nur häppchenweise mit der Geschichte von Arthur/Andrew heraus, teils lässt er ihn selbst erzählen, teils schaltet er in die Vergangenheit. aber eben nie so, dass lange stringent erzählt wird, sondern eben bruchstückweise. ganz am Ende des Romans gibt es dann, wir sind ja am Meer, Butter bei die Fische.
was mir auch gut gefällt, ist die Erotik, die der Autor hier gleich zu Beginn einsetzt, wohldosiert, nicht ordinär, manchmal mit einem Augenzwinkern. zwischen Diana und Andrew knistert es ordentlich, die junge Sekretärin (und Nichte) des Kommissars findet Zamorras Bewunderung, und Nicole und Zamorra sind sowieso ständig scharf aufeinander.
Phänomene wie die Zeitschau erklärt uns der Autor auch nochmal nebenbei, man will ja auch eventuelle Neuleser ins Boot holen: "Die Zeitschau ermöglichte es, innerhalb des Drudenfußes die Vergangenheit zu sehen. Dabei gab es zwei Einschränkungen: eine räumliche und eine zeitliche. Es konnte nur die unmittelbare Umgebung des Amuletts dargestellt werden, und Zamorra konnte längstens einen kompletten Tag weit in die Vergangenheit gehen. Denn je weiter er zurückging, desto mehr Kraft forderte es ihm ab. Und vierundzwanzig Stunden bildeten eine Grenze, die er nie überschritten hatte und die er wohl auch nie überschreiten konnte. Er war sich sicher, dass ihn dies das Leben kosten würde."
gibt es einen Zamorra-Stil? jedenfalls meine ich, dass der Autor Figurentreue hält, sich also unsere Helden so verhalten, wie man das von ihnen erwartet. besonders gut kommt das in dieser Szene am Kommissariat rüber:
"Da werden Sie schon warten müssen", meinte die forsche, höchstens achtzehnjährige Griechin, die bei jeder Schönheitskonkurrenz beste Aussichten gehabt hätte. Langes, seidenmatt glänzendes pechschwarzes Haar fiel nicht einfach bis knapp oberhalb ihrer - wie Zamorra feststellte - äußerst wohlgeformten Hüften, nein, es floss mit geradezu überirdischer Eleganz über Schultern und Rücken.
"Kein Problem", antwortete Zamorra hingebungsvoll und setzte sich bereitwillig auf einen der beiden unbequem aussehenden Besucherstühle, während die - wie er ebenfalls feststellte - nicht nur an den Hüften dem Traum jeder Jury entsprechende Schönheit in ein benachbartes Zimmer verschwand.
"Kein Problem", giftete Nicole Zamorra an. "Hätte der gute Kommissar Korkonis eine im Dienst ergraute Tippse als Vorzimmerdame, hättest du niemals so bereitwillig einer unbestimmten Wartezeit zugestimmt!" Ihre Augen verschossen Blitze, die Zamorra beinahe körperlich spürte, sodass er sich unwillkürlich fragte, ob sie für diesen Trick die Macht eines Dhyarras missbrauchte.
"Tippse? Welch unschönes Wort aus deinem Mund!", lenkte Zamorra ab. "Denk doch an deine eigene Vergangenheit und daran, was aus einer Tippse so alles werden kann!"
Ehe Nicole darauf etwas erwidern konnte, kam das schwarzhaarige Mädchen zurück, zwei Tassen dampfenden Kaffees in den Händen. "Stark und schwarz, wie wir ihn in Griechenland lieben", säuselte sie.
Zamorra bedankte sich überschwänglich, doch Nicole brummte nur irgendetwas.
"Nur keine Angst", flüsterte die Schönheit Nicole unvermittelt verschwörerisch zu. "Ich habe an jedem Finger zehn."
Erstaunt hob Nicole die Augenbrauen. "Wie bitte?"
"Sie wissen schon", raunte die junge Griechin, und das Timbre ihrer Stimme ließ einen leichten Schauer über Zamorras Nacken rieseln. "So wie Sie aussehen, geht es Ihnen doch genauso." Damit zog sie sich diskret wieder zurück.
"Siehst du, konnte sich Zamorrа nicht verkneifen zu bemerken, "das Mädchen hat es nicht nur hier", er zeichnete ihre Konturen in der Luft nach und musste dabei nur unwesentlich übertreiben, um wirklich atemberaubende Kurven zustande zu bringen, "sondern auch im Köpfchen."
die Kampfszenen sind eindrucksvoll geschildert, ein paar Knalleffekte sind wohl diversen Actionfilmen entliehen. so stürzt Nicole über eine Klippe, darunter aber ist ein Vorsprung auf den sie statt ins Meer fällt, und sich lediglich den Knöchel staucht. interessanterweise findet der Kampf mit den Vampiren tagsüber statt: "Zamorra wunderte sich keine Sekunde darüber, dass der Vampir im hellen Sonnenschein aktiv war - zu oft hatte er dies bereits erlebt. Die Zeiten, in denen Vampire ausschließlich Kreaturen der Nacht waren, waren offenbar vorbei, denn immer öfter machten Tageslichtvampire von sich reden." der Roman erschien 2004, die Daywalkers wurden schon in Ende der Neunziger in den Blade-Filmen popularisiert: https://www.youtube.com/shorts/eIlceyXA5Gc
vor allem die ersten Szenen, in denen Zamorra mit Dämonen kämpft, finde ich allerdings ein wenig eigenartig. wieso erzählt ihm ein Dämon überhaupt von Paxos? wieso kommt der Teufel zu spät, um den Verräter zu bestrafen? wieso muss der Teufel in menschlicher Tarnung mit Flugzeug und Fähre nach Paxos fahren, und wieso greift er dort die nächstbeste Griechin an - merkt er nicht, dass ihm Zamorra auf den Fersen ist?
sprachlich bleibt der Autor im gehobeneren Niveau, ohne übertrieben gedeichselte Sprachbilder oder Effektheischerei erzählt er recht geradlinig. die Dialoge sind lebendig, zwischen unseren Helden - siehe oben - durchaus Zamorra-typisch.
noch ein paar Zitate
Zamorra fand Gefallen an dieser Flachserei, die aller Erfahrung nach in wesentlich intimere Spielereien übergegangen wäre, wenn es in diesem Moment nicht an der Tür geklopft hätte. Er eilte zur Tür, während Nicole ihr T-Shirt zurecht zupfte.
"Ist das ein Balzritual oder was?", fragte Millings, "habt ihr nichts Besseres zu tun?" "Es hat etwas mit Selbstschutz zu tun", antwortete Zamorra, "das lernt man, wenn man tagtäglich mit den Hollenmächten zu tun hat."
eine Stilblüte
Sie war dafür bekannt, gern und viel über Dinge zu reden, die sie eigentlich nichts angingen. Das war ein Grund, warum sie so beliebt war, denn darüber hinaus wusste sie auch viele Dinge, die sie nichts angingen...
Diana hat akzeptiert, dass ihr Andrew unsterblich ist:
"Was wirst du tun, wenn ich alt werde?" fragte Diana unvermittelt. "Eines weiß ich ganz genau", antwortete Andrew: "ich werde bei dir sein, und ich werde dich lieben." Nach diesen Worten sah er, wie Tränen über die Wangen Dianas liefen. Und noch ehe sie die ersten Häuser erreichten, war ihm ebenfalls zum Weinen zu Mute.
das weckt Erinnerungen, und ja, befeuchtet auch meine Augen:
Will you do something for me Connor? - What, blossom? - In the years to come, will you light a candle, and remember me on my birthday? - Ay love, I will. - Don't see me Connor, let me die in peace... - Good night, my bonny Heather...
https://www.youtube.com/watch?v=gNKZATZHWZI
in Summe liest sich dieser Auftakt zum Zyklus (von dem die damaligen Leser ja noch nicht wussten, dass es ein solcher wird) also sehr flüssig, mir hat dieser erste Roman gut gefallen, und bekommt daher auch 4 von 6 möglichen Punkten.
das Titelbild ist eine wirklich sehr schöne Zeichnung. genauso wie der Titel selbst hat er mit der Geschichte aber nur bedingt zu tun. mit viel gutem Willen könnte man hier Paola sehen, wie sie gerade von Artok dem Vampir überwältigt wird. das Cover ist laut Impressum von Fabian Fröhlich, nicht Maren, wie hier angeführt. auf seiner Seite https://www.blindbild.de/ zeigt er allerdings nur seine Cover bis Band 800. und der 21. war ein Montag, ich denke, die Hefte erschienen damals aber noch am Dienstag, das müsste also der 22. gewesen sein. Feinheiten.