Nach dem magischen Rücktransport aus Aibon torkelt eine total ausgehungerte Justine Cavallo durch London. Den Blutdurst stillt sie schon auf den ersten Seiten an ein paar Pennern. Das hätte ich definitiv nicht erwartet. Ich war mir sicher, dass Justine aufgrund einer Notlage bei Jane aufkreuzt. Nun hat sie gar keinen wirklichen Grund…außer, dass der Plot passieren muss.
Als Justine bei Jane einsteigt, wird sie von der Detektivin erwischt und fängt sich eine reflexartig abgefeuerte Silberkugel ein. Zwischenzeitlich war sie mal immun gegen geweihtes Silber, also ist jetzt die Frage, ob sie wirklich erledigt ist. Das lässt sich bei einer Untoten schlecht feststellen. John kann es mit seinem Kreuz überprüfen, also holt Jane ihn. Als der Geisterjäger eintrifft, regt sich die gefesselte Vampirin schon wieder langsam. Sie ist also noch nicht hinüber.
Damit das Heft nach dem ersten Viertel nicht schon zu Ende ist, kann Justine sie sich natürlich befreien und fliehen. John ist ihr dicht auf den Fersen und stellt sie im Hyde Park, wo sie ihn überrumpelt und natürlich nicht direkt beißt, sondern so lange labert, bis Jane hinterher kommt und sie mit dem Kreuz vertreibt. Das fühlt sich für mich schon wieder zu stark nach einem „wir müssen die finale Konfrontation bis auf Seite 60 ziehen“ an. Natürlich ist es im Endeffekt genauso, aber ein guter Autor verdeckt das besser.
Im zweiten Heftdrittel schwenkt die Handlung zu Johnny und Cathy. Eigentlich will Johnny seiner Freundin heute einen Verlobungsantrag machen, doch eine schockierende Enthüllung über Hopkins Chemicals versaut ihm die Stimmung. Was genau das ist, erfährt der Leser zunächst nicht, um das Drama zu steigern. Gleichzeitig bekommt Cathy Besuch von Justine und ist damit das nächste Opfer auf ihrer Liste. Zum Glück hat Emma durch ihre mentale Verbindung zu Cathy einen Anfall und Marisa alarmiert Johnny, dass da was vor sich geht. Also fährt der mit John schleunigst dorthin. Doch sie kommen zu spät, Justine hat Cathy schon entführt.
Wegen ihres Anfalls muss Emma mit Marisa eine Nacht im Krankenhaus zur Beobachtung bleiben. Suko und Shao sind bei ihr, falls sie das nächste Ziel von Justine ist. Und tatsächlich taucht die Blutsaugerin im Krankenhaus auf. Sie beißt eine Ärztin. Dann lenkt sie Suko und Shao ab, damit die Ärztin sich ihre wehrlosen Opfer holen kann. Sie beißt Emma, wird aber von Marisa mit einer Silberkugel vernichtet, bevor sie Emma komplett leer saugen und ebenfalls verwandeln kann. Da hat Emma nochmal Glück gehabt.
Justine gönnt den Helden keine Pause. Sie lockt John und Johnny in eine Falle. Die beiden müssen feststellen, dass Cathy verwandelt wurde und nun eine Blutsaugerin ist. Während John Cathy jagt, ist er abgelenkt und Justine kann eine weitere Phase ihres Planes umsetzen. Scotland Yard infiltrieren. Aber erstmal erlöst Johnny seine Freundin schweren Herzens mit Johns Kreuz. Während ihm das Herz bricht und er die übliche „lebenslange seelische Narbe“ davonträgt, macht John sich extrem schwere Vorwürfe, an denen er auch eine Weile zu nagen haben wird.
Justine will sich mit zwei Vampir-Polizisten als nächstes Sir James und Glenda vorknöpfen. Doch Sir James ist gut vorbereitet und weiß, dass er Justine mit normalen Silberkugeln nicht ernsthaft schaden kann. Die Goldene Pistole jedoch hat noch jeden Gegner vernichtet und so ist es auch bei Justine. IRH gönnt dem Leser zum Schluss eine sehr grafische Szene, in der Justine Cavallo von der Säure zerfressen wird und John dabei zuschaut.
Vorbei ist es damit aber noch nicht, in einem Epilog folgt ein Vorgeschmack auf das Drama, das mich sicher in den kommenden Romanen erwartet. Nicht nur macht sich John schwere Vorwürfe, dass er Justine nicht schon eher erledigt hat. Auch seine Freunde distanzieren sich von ihm und Emma scheuert ihm sogar auf Cathys Beerdigung eine und nennt ihn einen Versager.
Der Roman lässt mich mit gemischten Gefühlen zurück. Ich muss ehrlich sagen, ich finde es gut, dass es Cathy erwischt hat. Von mir aus hätten auch Emma und Marisa mit draufgehen können. Ich konnte mit den Figuren nie viel anfangen. Als Opfer aus der zweiten Reihe eignen sie sich wohl. Hätte IRH hier zum Beispiel Glenda gekillt, hätte ich es aber auch gut gefunden. Für den Schocker vor der 2500. Für sowas bin ich immer offen, wenn es gut geschrieben ist und an der Stelle hätte das Ausscheiden eines „weniger wichtigen“ Teammitglieds gepasst.
Jetzt befürchte ich aber, Cathy hat es vor allem für das kommende Drama erwischt und darauf habe ich echt keinen Bock. Muss natürlich auch ausgerechnet an dem Tag passieren, wo Johnny sich mit ihr verloben will.
Zu Justine Cavallo, ich werde die Blonde Bestie echt vermissen. Sie hatte am Ende kaum noch Fans, ich weiß. Aber ich habe mich immer über ihre Trash-Einlagen und coolen Sprüche gefreut. Wieder ist ein Stück Jason Dark verloren gegangen. Ihren Abschieds-Band fand ich aber doch ganz gut. Abgesehen vom sehr konstruierten Beginn. Ab Justines Flucht aus Janes Haus konnte mich die Geschichte gut unterhalten und wurde der dickbusigen Leder-Vampirin gerecht.
Für ein Sehr Gut reicht es bei mir trotzdem nicht. Dafür hätte mich der Roman von Anfang an so unterhalten müssen und nicht erst ab dem zweiten Heftviertel.
GUTe

(7 von 10 Kreuzen)
Toto_172 hat geschrieben: Mi Jul 01, 2026 10:45 pm
Schön, das man mit seinen Emotionen nicht ganz allein im Regen steht.
Es ist genauso, wie du es beschrieben hast - es ist eine innere "leere" da beim lesen.
Irgendwie hat es einem das ganze familiere Flair genommen, etwas, was sich über jahrzehnte aufgebaut hatte und wo man ein Teil von war.
Ich schließe mich euch beiden mal an. Dieser Roman konnte mich zwar unterhalten, aber nicht so wie JD mich unterhalten konnte. IRH schreibt gute Action und krasses Drama. Aber mir fehlt da oft die Seele. Die Wärme. Die Verbundenheit mit der Hauptfigur. Man merkte richtig, dass Altmeister Dark mit dem ganzen Herzen dabei war. Er hätte seinem Sinclair-Team nie das angetan, was IRH ihm antut, weil er sich damit selbst weh getan hätte. Für IRH scheinen die Figuren eher wie Puppen zu sein, mit denen er spielt und an denen er seine krassen Ideen auslassen kann. Wenn John und seine Freunde schön leiden, ist es gerade voll geil.
Beide Autoren haben ihre Stärken und Schwächen und beide machen (oder machten) ihren Job sehr gut. Aber auf ihre eigene Art und Weise. Ich vergleiche IRH gerne mit Michael Bay und so jemanden lässt du halt keinen Edgar Wallace oder Sherlock Holmes drehen.